„Weißt du, das größte Hindernis gegen eine Karriere als Arzt waren schon zu der Zeit, als mich Vater vergeblich gedrängt hat, Medizin zu studieren, die Patienten, denn mit so vielen Leuten möchte ich nicht ständig zu tun haben. Im Grunde meines Herzens bin ich als Künstler ziemlich menschenscheu und ziehe mich lieber zurück. Du siehst, ich bin als Arzt, egal ob als richtiger oder falscher, völlig ungeeignet.“ Teuschel kicherte. „Das finde ich nicht. Von meiner bisherigen Tätigkeit weiß ich, dass es vielen Ärzten genau so geht.“ Säuerling sah ihn ungläubig an.
„Doch, es stimmt, was ich sage. Manche Mediziner werden erst durch ihren Job ungesellig, weil sie der Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit fertig macht, Burned-Out-Syndrom, man liest das ja ständig, aber viele sind vorher schon ängstliche und kontaktarme Persönlichkeiten, auch so etwas, was mir die Arbeit als Anlagebrater immer erleichtert hat. Stell dir doch mal vor: als Arzt hast du eine unglaubliche Macht über andere Menschen, über ihre Gesundheit, womöglich sogar über ihr Leben. Das zieht Neurotiker mit Minderwertigkeitskomplexen geradezu an wie vermoderter Speck die Fliegen. Genau so wie Sexbesessene, die katholische Priester werden oder skrupellose Lügner und Betrüger, die es in die christlich-demokratische Parteipolitik treibt. Es gibt sogar eine ganze Reihe Ärzte, die hassen ihre Patienten, und ihre Härte und Grausamkeit im Umgang mit ihren Opfern entstammt nicht nur einer kalten Professionalität, sondern entspricht einer gesellschaftlich akzeptierten Form, ihre aggressiven Impulse auszuleben. So wie andere den Fußballplatz oder die Autobahn brauchen, gehen die einfach zur Arbeit.“
„Hast du das aus deinem neuen Buch?“
„Mensch, mach einfach mal die Augen auf!“
„Hier sehe ich auch mit offenen Augen nicht viele Ärzte.“
„Du weißt doch, wie ich das meine! Außerdem bietet die Medizin genug ökonomische Nischen, um ohne Patient exzellent zu leben.“
„Und welche sollen das sein“, wollte Säuerling wissen.
„Pathologie zum Beispiel.“
„Igitt, besserwisserische, spleenige Metzger, die argwöhnisch in angegammeltem Fleisch wühlen, humane Fleischbeschauer – nein danke.“
„Oder Rechtsmediziner.“
„Das ist ja noch schlimmer. Missmutige, oberlehrerhafte Freizeitdetektive wie Quincy.“
„Wie wäre es mit Radiologie?“
„Röntgen hat immerhin was mit Bildern zu tun. Der Radiologe macht zwar Bilder, hat aber wenig Einfluss darauf, wie sie später aussehen. Die originelle Sternenform einer Krebsgeschwulst entwirft wieder der Patient.“ Säuerling sog hastig und gierig an seiner Zigarette, als brauche er den Qualm wie ein Asthmatiker sein Spray.
„Wenn du etwas mehr handwerklich begabt wärst, würde ich dir noch die Chirurgie empfehlen, da liegen die Patienten meistens bloß still rum. Aber ich hätte noch was für dich, bei dem du noch nicht einmal einen Patienten anzusehen brauchst und wo die Arbeit von computergesteuerten Maschinen und freundlichen Mitarbeiterinnen quasi automatisch erledigt wird, während du wie Dagobert Duck im ausgebauten Dachgeschoss sitzt und dein Geld zählst – oder neue Bilder malst.“